Familie, Erziehung, Partnerschaft

Der erste und gleichzeitig umfangreichste Aspekt unserer Befragungen ist der Themenbereich Familie, Erziehung und Partnerschaft. Zu diesem Thema interessierte uns zunächst die Frage, was die Teilnehmer über die Gleichberechtigung von Mann und Frau innerhalb der Ehe halten und wie sie dies in ihrer eigenen Kindheit in Afghanistan erlebt haben. Die Antworten auf erste Frage fielen eindeutig aus: vier von vier Befragten sprachen sich für eine Gleichberechtigung in der Ehe aus. Proband 1 und 4 brachten es kurz und bündig auf den Punkt mit folgenden Worten: „Ja, gleich ist besser!“ (D13) oder „Gleich! Beide arbeiten und zusammen machen, ja.“ (A16)

Die anderen Probanden erlaubten sich eine ausführlichere Erklärung, welche zu dem Schluss führte, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind und daher auch unterschiedliche Begabungen haben. Demnach soll jeder in der Beziehung in den Bereichen das Sagen haben, in denen er besser ist. Letztendlich spielen so die Meinungen von beiden Partnern in der Beziehung eine Rolle und insgesamt kommt ein guter Mix aus Ideen und Fähigkeiten zustande:

„Ja, so, ich finde, ist besser wenn beide sagt. Von eine Kopf… Zwei Kopf ist besser! Jede Kopf hat eine Idee. Wenn er sagt ist so, und eine Frau sagt noch eine Idee, dann ist vielleicht so, ‚ja das stimmt‘, so. Für manches was Frau sagt ist auch besser. Nicht alles Männer. Ich finde wenn beide auch sagt ist besser.“ (B29-B33)

C25: Ja der Mann… Ja, es gibt Dinge da ist der Mann entscheiden kann oder

C26: entscheiden muss und Dinge da ist die Frau, weil ein Mann und eine Frau

C27: ist nicht so, dass… Ist nicht so gleich, zum Beispiel eine Frau denkt ganz

C28: anders wie ein Mann und hat auch andere Meinung wie ein Mann. Zum

C29: Beispiel ein Mann kann was das die Frau nicht kann, zum Beispiel ein

C30: Mann kann schwere Sachen tragen und die Frau nicht. Und so… Ja, es gibt

C31: Dinge die Frau machen muss und es gibt Dinge die ein Mann machen muss.

Also du meinst, jeder soll das machen was er besser kann?

C32: Ja.

In ihrer Kindheit machten die Probanden eher voneinander abweichende Erfahrungen auf diesem Gebiet. Proband 2 schilderte seine Erfahrungen kurz und knapp und meinte, dass seine Eltern gleichberechtigt waren und gemeinsam entschieden haben. Proband 2 hingegen betonte, dass früher seine Großmutter die zentrale Rolle in der Familie einnahm: wenn etwas entschieden wurde, dann von ihr. Als die Großmutter jedoch verstarb änderte sich die Rollenverteilung und der Vater wurde zum Oberhaupt der Familie. Bei wichtigen Entscheidungen würden jedoch beide Elternteile im Plenum entscheiden:

„Ja, äh, früher, so 2,3 Jahre früher ich hatte Oma. Und erste Mal wir immer haben unsere Oma gefragt. Wenn ich zum Beispiel will etwas kaufen, hab ich mein Papa gefragt und mein Papa hat meine Oma gefragt. Seine Mama. Sie war unsere, äh, große Frau. Alle haben Oma gefragt. Aber leider ist gestorben. Aber jetzt fragen wenn etwas ist mein Papa, und Papa sagt ja, wenn ist kleine. Wenn ist groß fragt meine Mama auch, dann beide spricht und sagt ja oder nein.“ (B34-B39)

Proband 4 schilderte eine ähnliche Sicht. Sein Vater gehörte seiner Meinung nach eher zum „alte[n] Denken“ (D14) und war seiner Frau überlegen. Lediglich Proband 3 sagte, dass bei ihm Zuhause eher die Mutter aufgrund ihrer Schulbildung das Familienoberhaupt war:

„Nee, eigentlich bei uns war ganz anders, weil mein Mutter kommt aus Kabul und mein Vater kommt aus dem Land und dann, ja, mein Mutter hat auch auf der Schule gelernt und so, und, ja bei uns war ganz anders wie die andere. Die andere Frauen die auf dem Land gewohnt haben, die hatten kaum Möglichkeiten in die Schule zu gehen und zu lernen und so, und die sind ja bestimmt anders wie die Leute die in die Schule gehen. Bei uns war… Ja, meistens wenn meine Mutter was gesagt hat, dann, mein Vater und wir haben alle akzeptiert und… das gemacht haben.“ (C33-C41)

Die aktuelle Ansicht der Befragten, dass Männer und Frauen in der Ehe gleichberechtigt sein sollten kann folglich nur zum Teil auf Kindheitserfahrungen und Erziehung zurückgeführt werden. Die Annahme, dass sich diese Zustimmung erst seit der Flucht nach Deutschland entwickelt hat liegt daher nahe.

Die Frage, ob sie sich eine Ehe mit einer deutschen Frau vorstellen könnten, stieß bei den Befragten teilweise auf Verlegenheit. Daher antworteten zwei von vier Befragten mit einem schüchternen „weiß nicht“ (A18, D16) und wollten zur nächsten Frage übergehen. Einer der Probanden meinte, ihm persönlich sei die Herkunft seiner Frau egal, im wäre es wichtiger, was seine Familie über sie denkt und dass sie ihn gut behandelt. Lediglich einer der Befragten sagte deutlich, dass er eine afghanische Frau heiraten möchte.

Auch die Frage nach der gewünschten Familiengröße wurde unterschiedlich beantwortet. Die Antworten reichen von „Ich mag, äh, weniger. Kleine Familie“ (A20) über „weiß nicht“ (C43) bis hin zu der Meinung, dass sie eigentlich gerne eine große Familie mit vielen Kindern hätten, sich aber der Tatsache bewusst sind, dass sie das nicht alleine entscheiden können, sondern mit ihrer zukünftigen Frau absprechen müssen:

„Ich will auch viele Kinder, 3 oder 4, 5, 7, so. Aber mein Land ist andere. Aber zum Beispiel Deutschland ist andere. Wenn ich habe deutsche Frau und sie sagt ’nein, lieber 2 ist besser‘ dann sage ‚Ja, OK‘.“ (B48-B51)

 

D19: Ich mag, mhhh… viele Kinder, (lacht) fünf oder sechs, aber ich weiß nicht wenn

D20: meine Frau kann oder nein. Weiß nicht.

Meinst du, dass du das mit deiner Frau absprechen möchtest?

D21: Ja.

Das Thema Scheidung fiel vergleichsweise deutlich aus: die Sunniten befürworten eine Scheidung sowohl für Männer als auch für Frauen wenn die Ehe nicht funktioniert. Beide Geschlechter sollen die Möglichkeit haben, die Ehe zu beenden und anderweitig glücklich zu werden:

„Ja, das gut. Wenn eine Frau ist nette Frau und zum Beispiel ihr Mann ist, so eine, Beispiel, ein Penner, und sie kann nicht mit ihm leben, so leben… und sein Leben ist ganz schwierig. Ist besser wenn Frau geht und alleine wohnen oder leben mit andere Mann.“ (B53-B56)

 

„[…] Und das ist besser, wenn die nicht einander verstehen, dass sie sich einfach… ja, die Frau weggeht oder der Mann, dass die machen was sie wollen. Ja, man muss irgendwie eine Lösung finden, wenn die nicht einander verstehen, dann ist… macht kein Sinn, dass sie trotzdem zusammen wohnen.“ (C48-C52)

Die beiden Schiiten sprachen sich hingegen deutlich gegen eine Scheidung aus, egal ob sie von Frau oder Mann ausgeht. Hierbei lässt sich gut erkennen, dass die Religion eine wichtige Rolle spielt und die Ansichten und Einstellungen der Befragten in bestimmten Themengebieten auch heute noch stark prägt, unabhängig von dem Land in dem sie leben.

Die folgende Frage, ob eine Freundschaft zwischen Jungen und Mädchen in Ordnung für sie sei beantworteten vier von vier Befragten mit einem klaren ja. Zwei der Interviewten führten in diesem Zusammenhang auch frühere Freundschaften zu Mädchen auf und betonten, dass sie das normal finden.

Die abschließende Frage bezog sich auf die Ansichten der Befragten zum Thema gemeinsame Wohnung bei unverheirateten Paaren. Auch hier fielen die Antworten recht klar aus: drei der Probanden lehnen dies kategorisch ab. Proband 3 erklärte seine Bedenken diesbezüglich folgendermaßen:

„[…] Zum Beispiel wenn man in eine Beziehung ist, dann, wenn man eine Frau heiratet, dann zum Beispiel wenn ein Problem gibt, dann versucht man eine Lösung zu finden. Und wenn nicht geheiratet, dann ein kleines Problem einfach kann uns, äh, zwischen uns kommen und äh, dass wir uns, äh, dass wir nicht zusammen sind. “ (C58-C62)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich manche Einstellungen und Ansichten der Befragten seit der Flucht nach Deutschland geändert haben, so sprechen sich beispielsweise alle für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Ehe aus, obwohl sie diesbezüglich sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Einer der Probanden könnte sich aktuell sogar eine Ehe mit einer deutschen Frau vorstellen, zwei weitere sind sich darüber noch nicht im Klaren und lediglich einer lehnt es ab. Auch in Sachen Familiengröße lässt sich Toleranz gegenüber den Frauen feststellen, zwei von vier Befragten möchten die Frau in diese Entscheidung mit einbeziehen.

Anders sieht es dagegen beim Thema Scheidung aus. Hierbei scheinen die Einflüsse der deutschen Kultur keine Rolle zu spielen, sondern vielmehr der Glaube der Befragten. So auch beim Thema gemeinsame Wohnung bei unverheirateten Paaren. Die Ansichten scheinen sich diesbezüglich insgesamt nicht nennenswert geändert zu haben.

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