Fazit

Unsere anfangs aufgestellte Hypothese

„Das Frauenbild minderjähriger afghanischer Flüchtlinge passt sich nicht dem in Deutschland an.“

konnte weder gänzlich verifiziert noch vollständig falsifiziert werden. Zwar änderten sich gewisse Einstellungen und Ansichten gegenüber Frauen nachdem die jungen Flüchtlinge von Afghanistan nach Deutschland geflohen sind. Dennoch behielten sie auch bestimmte Muster und Gewohnheiten bei.

Durch unsere Erarbeitung und Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen und Rechten der Frauen in Afghanistan und Deutschland haben wir einen groben Überblick darüber gewonnen, wie die Einstellungen der vier Probanden gegenüber den Frauen gewesen sein könnte.

Die beiden Kulturen sind in vielen Punkten sehr kontrovers. Diese Unterschiede müssen bei der Ankunft in einem fremden Land zunächst erkannt, verarbeitet und akzeptiert werden. Dieses haben wir durch die Kulturschocktheorie dargestellt. Gewisse Muster werden im Laufe der Zeit auch übernommen, je nachdem wie stark man mit seiner Herkunftskultur verwurzelt ist und bereit ist sich der neuen Kultur zu öffnen (Akkulturationsformen).

Die Unterschiede hinsichtlich der Position der Frauen sind teilweise gravierend. In Deutschland bemüht man sich um eine Geschlechtergleichstellung in allen Bereichen und ist diesbezüglich schon wesentlich weiter als die Frauen in Afghanistan. Zwar sind die Frauen in Afghanistan per Gesetz gleichgestellt, die Realität sieht jedoch oft erschreckend anders aus. Beispielsweise ist die Ehe in Afghanistan kein Sakrament sondern ein zivilrechtlicher Vertrag. Die jungfräuliche Braut ist hier jedoch nicht rechtsfähig, sie benötigt einen männlichen Vertreter. Zudem sind noch ca. 70% der Ehen Zwangsehen. In Deutschland wird eine Ehe durch einvernehmliche Zustimmung durch Mann und Frau gleichermaßen beschlossen. Auch der Ehebruch hat in Afghanistan verheerende Folgen, von lebenslanger Gefängnisstrafe bis hin zur immer noch praktizierten Steinigung. In Deutschland ist Ehebruch einer von vielen Scheidungsgründen. Die Scheidung kann in Deutschland von Frau und Mann gleichermaßen beantragt werden. Auch das Sorgerecht für gemeinsame Kinder kann nach der Scheidung weiterhin als ein gemeinsames Sorgerecht bestehen. In Afghanistan sind Frauen nach der Scheidung nur solange berechtigt ihre Kinder aufzuziehen, wie diese ihre Hilfe benötigen. Benötigen sie keine Hilfe mehr durch die Mutter, kommen sie zum Vater und der Kontakt zur Mutter bricht in den meisten Fällen ab. Prinzipiell kennt das afghanische Recht aber die Scheidung, diese kann sowohl vom Mann als auch von der Frau beantragt werden. Allerdings muss die Frau Nachweise für ihre Scheidungsgründe vor Gericht erbringen, hierzu zählen unter anderem Impotenz, Demenz und ständige Abwesenheit.

Auch vor Gericht sind die Frauen in Afghanistan nicht gleichgestellt. In Deutschland sind Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich; ihre Aussagen zählen gleich viel, in Afghanistan jedoch ist das nicht der Fall. Zudem erhält die afghanische Frau für die gleiche Straftat das doppelte Strafmaß. Wird die Straftat an einer Frau begangen wirkt es sich hingegen mindernd auf das Strafmaß aus.

Dies sind nur einige Beispiele wie unterschiedlich die Positionen der Frauen in den beiden Gesellschaften sind. Für unsere vier Probanden muss diese starke Position der Frauen in Deutschland zunächst sehr befremdlich gewesen sein.

Im Rahmen der von uns durchgeführten Leitfadeninterviews stellten sich vielerlei interessante Erkenntnisse heraus. Im Themenbereich Familie, Erziehung und Partnerschaft beispielsweise war deutlich zu erkennen, dass allen Befragten daran liegt, eine gleichberechtigte Ehe zu führen, in der sowohl der Mann, als auch die Frau bei wichtigen Entscheidungen einbezogen werden. Jedoch erlebten die Jugendlichen den Umgang zwischen ihren Eltern Zuhause in Afghanistan recht unterschiedlich. Daher liegt die Annahme nahe, dass sie sich diese Einstellung im Laufe der Zeit selbst angeeignet haben und möglicherweise durch die deutsche Kultur beeinflusst wurden.

Auch beim Aspekt Familiengröße konnten wir erkennen, dass die Probanden ihre Ansicht an Deutschland angeglichen haben: zwar würden die meisten eine große Familie mit reichlich Kindern bevorzugen – wie es in Afghanistan üblich ist. Dennoch sind sie sich der Tatsache bewusst, dass sie diese Entscheidung am Besten mit ihrer Partnerin treffen sollten und zu einer gemeinsamen Übereinkunft kommen möchten.

Große Toleranz konnten wir auch beim Thema Bildung feststellen. Die Jugendlichen fanden es allesamt gut, dass Mädchen und Frauen in Deutschland die Möglichkeit haben zur Schule zu gehen und eine Berufsausbildung zu absolvieren. In Afghanistan hingegen ist es zumindest auf dem Land üblich, dass Mädchen und Frauen Bildung verwehrt bleibt.

Hinsichtlich der Gleichheit vor dem Gesetz und Rechte konnte ebenfalls festgestellt werden, dass die jungen Flüchtlinge die Situation in Deutschland weitestgehend gutheißen können. Beispielsweise stimmten alle Befragten dem Wahlrecht für Frauen zu und drei von vier Probanden finden, dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben sollten.

Es gab jedoch auch Aspekte, bei denen wir keine große Veränderung feststellen konnten. In der Kategorie Familie, Erziehung und Partnerschaft gab es zum Beispiel eindeutige Aussagen zum Thema Scheidung. Die beiden Sunniten stimmen einer Scheidung unabhängig vom Geschlecht zu, die Schiiten hingegen lehnen die Scheidung ab, egal ob sie vom Mann oder von der Frau eingereicht wird. Hier kann man deutlich erkennen, welch große Rolle die Religion im Leben der Befragten spielt. Dies wurde weiterhin bei der Frage nach einer gemeinsamen Wohnung bei unverheirateten Paaren bestätigt: hierbei waren drei von vier Befragten gegen eine gemeinsame Wohnung, da ihrer Meinung nach die traditionellere Reihenfolge eingehalten werden sollte. Das heißt: erst heiraten, dann zusammenziehen.

Die Befragten machten allesamt deutlich, dass ihre Religion eine wichtige Rolle im Leben einnimmt, auch wenn sie ihre Religion heutzutage nicht mehr so aktiv ausleben (können) wie dies noch in Afghanistan der Fall war. So achten beispielsweise alle Probanden darauf, die Verhaltensegeln des Islam einzuhalten und trinken infolgedessen keinen Alkohol und essen nur Halal-Fleisch.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Jugendlichen sich zu großen Teilen an die Einstellungen und Ansichten der deutschen Kultur angepasst haben und diese auch größtenteils gutheißen können. Die Gleichstellung der Frau finden alle vier Probanden prinzipiell gut. Allerdings merkt Proband 3 an, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind und deshalb nicht gleich behandelt werden dürfen, weil sie unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Weiterhin haben die Befragten es akzeptiert und finden es gut, dass Frauen auf eigenen Beinen stehen und selbst ihr Geld verdienen können.

Jedoch gibt es auch Dinge, die sie nicht übernehmen möchten und lieber so umsetzten und praktizieren wollen wie sie dies in ihrer afghanischen Heimat erlernt und erlebt haben. Hierzu wäre das Beispiel der gemeinsamen Wohnung mit der Partnerin vor der Eheschließung zu nennen. Sie akzeptieren, dass es in Deutschland selbstverständlich ist, drei von vier können es sich für sich aber selbst nicht vorstellen. Das hängt sicherlich zu großen Teilen mit der Religion der Befragten zusammen. Auch beim Aufzeigen und Besprechen der Fotografien von afghanischen und deutschen Frauen zu Beginn der Interviews wurde deutlich, dass die Probanden die Gewohnheiten der deutschen Kultur zwar akzeptieren, dies aber nicht unbedingt für ihre eigene Frau und Familie gutheißen würden (sog. Drittvariable).

Schlussendlich konnten wir anhand der Interviews und der anschließenden Auswertung erkennen, dass die Probanden eine Art „Mischform“ des Frauenbilds zwischen dem in Afghanistan vorherrschenden und dem in Deutschland üblichen entwickelt haben: man kann davon ausgehen, dass ihr Frauenbild nicht mehr dem entspricht, wie es war, als sie noch in Afghanistan gelebt haben; jedoch entspricht es auch nicht dem, wie es in der deutschen Kultur vorherrscht.

Weiterhin ist uns im Laufe unserer Forschungsarbeit aufgefallen – und deshalb ist es uns auch sehr wichtig dies zu betonen, dass das Frauenbild im Koran sehr allgemein gehalten und beschrieben wird. Es gibt keinerlei direkte Aufforderung zur Unterdrückung, Diskriminierung und Gewaltanwendung an Frauen. Daher ist es unserer Meinung nach überaus wichtig und notwendig, in dieser Hinsicht unterscheiden zu können. Der Koran lässt Interpretationsmöglichkeiten offen, welche in Ländern wie Afghanistan radikale Muslime für ihre Zwecke anpassen und missbrauchen. Die schlechte Lage der Frauen in Afghanistan ist nicht als Folge des muslimischen Glaubens allgemein zu sehen, sondern als Folge falscher, „eigennütziger“ Interpretationen der Machthaber. Wir hoffen, dass dieser Aspekt in unserer Forschungsarbeit deutlich wurde und können nur immer wieder die Wichtigkeit dessen betonen.

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